Liebe Gemeinde,
Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? (Jeremia 23,23)
Hier ist nicht vom „lieben“ Gott die Rede. Im ganzen 23. Kapitel des Propheten Jeremia erzählt Gott von sich selber, wie er auch sein kann: Nicht nur lieb. Er kann auch zürnen. Und zwar über die, die ihn entweder leugnen oder aber vereinnahmen für ihre Sachen. Gott lässt sich aber nicht vereinnahmen. Nirgendwohin. Gott ist immer Gott; das Geheimnis der Welt. Er duldet es vielleicht, wenn Menschen ihn auf ihre Seite ziehen wollen. Aber er duldet es nicht ewig. Irgendwann zeigt er sich: seine Größe, seine Macht, seine Herrlichkeit. Und sagt dann: Ich bin nicht der, den ihr haben wollt. Ich bin Gott. Und ich bleibe Gott. Was immer ihr aus mir machen wollt.
Der Prophet Jeremia hat Gott am eigenen Leib erlitten. Er lebte und verkündete in einer Zeit der Krise für das Volk Israel: als sie ein Gottesgericht erlebten, etwa in den Jahren 580 bis 530 vor Jesus. Etliche wurden weggeführt nach Babylon, ins Exil. Jeremia selber war wohl auch unter ihnen. In vielen seiner Worte ringt er mit Gott und dem, wie er ihn versteht – oder nicht versteht. In manchen Bildern versucht er, seinem Volk den fernen Gott verständlich zu machen. Mit mäßigem Erfolg. Die sogenannten falschen Propheten wollen einfach nicht hören; und wer auf die falschen Propheten hört, möchte genau das hören, was sie sagen. Es ist so leicht zu glauben, wenn Menschen sagen, dass alles gut wird. Oder wenn wir das hören, was wir hören möchten. Dann ist Gott gut. Und lieb.
Gott ist Liebe, ja, aber, lieben und lieb sein, ist ein Unterschied. Liebe ist nicht immer lieb. Auch der ferne Gott ist Gott. Auch der dunkle Gott ist Gott. Und nicht alles, was Gott als Liebe sieht, sehen wir auch so. Gott muss uns auch Geheimnis bleiben, unentschlüsselbar. Das kann uns und unseren Glauben belasten. Auch Luther hat zugleich vom verborgenen und sich offenbarenden Gott gesprochen. Sein Rat: Blickt auf den Gott, der sich in Jesus Christus als der barmherzige, vergebende und liebende Gott offenbart hat.
Und wenn ich das tue, dann kann ich auch in allem Auf und Ab meines Lebens immer wieder die Führung Gottes erkennen, wie sie auch das Volk Israel zur Zeit Jesajas trotz allem erkannt hat. Ich kann ihm sogar auch meinen Zweifel benennen und ihm sagen, wo ich ihn nicht verstehe.
Dietrich Bonhoeffer fasst das so zusammen: „Alle Gedanken, die wir über Gott denken, dürfen nie dazu dienen, dies Geheimnis aufzuheben, Gott zu etwas allgemein Begreiflichem, Geheimnislosen zu machen, sondern vielmehr muss alles Denken über Gott nur dazu dienen, sein uns gänzlich überlegenes Geheimnis sichtbar zu machen.“
Pfarrerin Manuela Melzer
